Charmant unperfekt – die wundervolle Welt der Risographie

Der klassische Siebdruck hat schon vor vier Jahrzehnten Konkurrenz bekommen und kaum einer hat’s bemerkt. Oder hast du schon mal was von Risographie gehört? Was ist das eigentlich? Und was ist daran so besonders?

Mir ging es ähnlich, als ich im Frühjahr 2017 Alexander Branczyk und Florian Haberstumpf von Drucken3000 auf der Typo Berlin kennenlernte. Sie präsentierten dort farbenfrohe Riso-Papiermuster und erklärten mir geduldig das Druckprinzip. Im Grunde ist so ein Risograph eine Art digitaler Siebdruckautomat, den man sich in Form eines großen A3-Farbkopierers vorstellen kann. Von außen ist erst mal nicht viel zu sehen, doch sein Innenleben ist ein völlig anderes. 

Im Vergleich zum Siebdruck wird hier, anstelle eines Siebes, eine Masterfolie belichtet, die sich um eine große Farbtrommel spannt. Da nur zwei dieser wuchtigen Trommeln in einen Risographen passen, kann auch nur mit maximal zwei Farben gleichzeitig gedruckt werden. (Das erklärt übrigens auch, warum die meisten meiner Motive nur ein- oder zweifarbig sind ;)

 

Fotos: © Florian Haberstumpf, Drucken3000

 

Bei Drucken3000 hat man mittlerweile die Wahl von 40 leuchtend schönen Riso-Farben, die jeden herkömmlichen Druck erblassen lassen! Zu meinen Lieblingsfarben gehören natürlich Fluo Orange und Metallic Gold – schön knallig und edel. Aber auch jede andere Farbe (wie Mint oder Sunflower) ist durch die reinen Farbpigmente sehr intensiv, da sie nicht aus den vier Druckfarben CMYK – wie sonst üblich – zusammengesetzt ist.  

Wabi-Sabi und die Kunst des Unperfekten

Das Besondere beim Drucken ist nun, dass das Resultat – ähnlich wie beim Siebdruck – nicht immer perfekt ist. Im Gegenteil, es gibt schon mal leichte Verschiebungen, ungleichmäßige Farbaufträge und sogenannte Blitzer. Diese entstehen, wenn zwei Farben nicht 100%ig zusammentreffen, sodass die Farbe des Papiers durchblitzt. Bei manchen Motiven ist dieser Effekt sogar erwünscht, da es mehr Lebendigkeit reinbringt. Das verrückte ist nur, dass man den Risographen nicht wirklich kontrollieren kann. All die kleinen Ungenauigkeiten können sich sogar innerhalb einer Auflage verändern und sind garantiert bei der nächsten Auflage wieder anders. Manchmal ist es wie verhext, dass dann die selbe Druckdatei zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann. Der Risograph scheint nach Lust und Laune zu drucken und auf unerklärliche Weise ein Eigenleben zu führen!

 

 

 

Auf der anderen Seite merke ich, dass es gut tut, loszulassen. Muss denn alles immer so perfekt sein? Die Riso-Drucke wirken doch sehr charmant, gerade weil sie eben so sind! Ob in kleinen oder großen Auflagen, jeder Druck wird dadurch zum Unikat. Dieser Charme entspricht ja auch dem Wabi-Sabi-Prinzip, einem japanischen Ästhetikkonzept. Eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden, wird hier die Kunst des Unperfekten als schön und wertvoll angenommen. In Japan führt diese Einstellung sogar dazu, dass z. B. absichtlich kleine Fehler in industriell gefertigte Keramikwaren eingearbeitet werden, damit diese wie handgemacht aussehen! Wer hätte das gedacht? Beim Riso passiert das ganz von selbst und ich empfinde sogar eine gewisse Dankbarkeit für diese etwas merkwürdige Eigenschaft.

Die Renaissance des Schablonendrucks 

Der erste Risograph wurde übrigens schon 1980 von der japanische Firma Riso Kagaku Corporation auf den Markt gebracht. Dieser digitale Duplikator überzeugte weltweit vor allem Behörden, Schulen und Firmen durch seine einfache Bedienung und niedrigen Kosten – insbesondere beim Drucken desselben Dokuments in großen Mengen. Aber erst in den letzten Jahren wurde die Risographie von vielen Künstlern und Designern aus aller Welt wiederentdeckt und führte zu einem regelrechten Boom in der KünstlerszeneDie Vorteile liegen auf der Hand: es ist eine künstlerisch interessante und besonders nachhaltige Drucktechnik. Das Kaltdruckverfahren hat einen geringen Stromverbrauch und verwendet Tinte statt Toner. Kein giftiger Tonerfeinstaub, kein Ozon. Die speziellen Riso-Farben sind sogar vegan und werden ganz neu mit Reiskleie – anstelle von Soja – produziert. Das Gute daran ist, dass Reiskleie – im Vergleich zu Soja – kein Lebensmittel ist, sondern ein Abfallprodukt der Reisherstellung. Dieses geniale Upcycling lässt doch gleich jedes grüne Herz ein paar Takte höher schlagen! 

Serendipity oder alles nur ein glücklicher Zufall?

Zurück zur Typo Berlin in 2017, zur überraschenden Entdeckung von etwas nicht Gesuchtem, meinem Serendipity-Moment. Die Risographie präsentierte sich mir – so charmant unperfekt sie ist – als das perfekte Verfahren für mein Vorhaben. Ich hatte gerade mein Design Studio Feingeladen in Berlin gegründet. Meine Vision war es, nachhaltige Karten auf den Markt zu bringen, die für eine besondere Wertschätzung stehen. Wie auch individuell gedruckte Einladungen, Weihnachtsgrüße oder Art Prints. Und plötzlich war alles klar. Diese außergewöhnliche und zugleich umweltfreundliche Drucktechnik ist genau das Richtige für mich. Von daher sage ich mal an dieser Stelle: Danke lieber Zufall! Ich freue mich sehr, dass ich die wundervolle Welt der Risographie entdeckt habe.

 

Foto_MariaBahlmann_©LidiTirriBerlin

Maria von Feingeladen